Vegan

Seit der Veganismus immer größere Wellen schlägt, seit sich Super-Food-Spezialmärkte und Supermarktketten mit entsprechenden, überteuerten, gleichzeitig aber viel zu billigen Angeboten aufstellen und wieder eine Horde Schafe den Abhang gestoßen werden wollen und sich selbst erhöhte Rettet-die-Welt-Ernährungspäbste die Taschen füllen, um anschließend stolz ihren Habitus zu präsentieren nach dem Motto: „Jeder muss es schließlich selbst wissen, wofür er sich entscheidet und wie weit er geht mit seiner Ernährung.“ ..bin ich etwas beunruhigt.

Ohne jemandem zu nahe treten zu wollen: Als Naturliebhaberin und leidenschaftliche Essenszubereiterin mit Vorliebe seit jeher für saisonale Regionalität in Punkto Essen beobachte ich insbesondere den Lifestyle der Vegan-Szene zunehmend mit Besorgnis, die doch zunächst nur heroisch für den Tierschutz feite. Nicht, dass es nicht dringend nötig wäre in Anbetracht der skandalösen, zum Himmel schreienden Zustände im Leben vieler Schlachttiere und deren Haltung. Heute mehr denn je. Ich glaube, dass es viele Veganer und Vegetarier gibt, denen es wirklich am Herzen liegt, zu helfen und die für eine bessere Welt einstehen wollen. Nebenbei noch etwas für die Gesundheit tun – macht zwei Fliegen mit einer Klappe.

Die so wenig hinterfragte Folgewilligkeit mancher erinnert mich jedoch etwas an die späten Sechziger. Die westliche Hippie-Hemisphäre, etwa im selben Alter wie viele Anhänger des Ernährungstrends heute, die in eine vermeintlich bessere Welt blickte und sich eitel weder nach links noch nach rechts umsah. Für einige wenige Jahre, dann verpuffte dieser Megahype in Desillusion und Irritation. Die Sehnsucht nach Orientierung ist geblieben.

Es stellt sich doch die Frage, warum Veganer zu Unmengen an Getreideprodukten greifen, zu weißem toten Mehl, warum viele den raffinierten Industriezucker, konventionell angebaute Sojaprodukte 1:1 und ‚zig scharfe Gewürze so unkritisch verwenden.

Warum nicht beispielsweise statt Pinienkerne Bucheckern, statt Chiasamen Brennnesselsamen, statt Goji-oder Acaibeeren getrocknete Hagebutten, Heidelbeeren, schwarze Johannisbeeren, Fliederbeeren, Schlehen..; statt getrocknete Ananasscheiben Apfelringe, statt getrockneter Aprikosen Kirschen, statt Maisstärke Kartoffelstärke, ab und zu Naturreis statt weißem Reis (die Liste lässt sich ellenlang fortsetzen).

Es mutet nicht selten ein wenig orthodox an. Wie die massenhafte Einfuhr von Lebensmitteln vom anderen Ende der Welt, insbesondere asiatischer und südamerikanischer Produkte verantwortet wird, ist mir schleierhaft. Von den schlechten Anbau-und Arbeitsbedingungen in vielen Ländern ganz zu schweigen. Hauptsache trendy.

Milch und Milchprodukte sind per se schlecht? Margarine statt Butter? Vielleicht ein Wohlstandszeichen, denn in früheren kritischen Versorgungszeiten haben diese noch natürlichen Produkte nicht wenige unserer Vorfahren vor dem Verhungern bewahrt. Statt denaturierter Milch sind Vorzugsmilch/Rohmilch-und Milchprodukte in Maßen durchaus wertvoll für unsere Gesundheit. Wir essen schließlich auch Fruchtteile von Pflanzen, die sie für ihre Fortpflanzung bilden, auch wenn diese wieder nachwachsen.
Exotische Früchte und Gemüse selbstverständlich das ganze Jahr über. Als würden die Vitalstoffe 10.000 Km lang die Luft anhalten, um nach Tagen unsere Teller mit gesundheitlichem Segen zu füllen. Preise und Nachhaltigkeit spielen dabei eine defensive Rolle. Wie werden Plastikverpackungen, Kunststoffschuhe- und Kleidung und der Klimaschutz beim Transport vertreten? Das kann auf die Dauer nicht gut gehen.

Paleo

Auf der anderen Seite die zur Zeit angesagte Steinzeiternährung, Nahrung wie vor Millionen Jahren, genetisch natürlich angepasst. Dafür werden die favorisierten Produkte aus aller Herren Länder bezogen. Bedenklich, denn nirgendwo ist nach wie vor die Lebensmittelkontrolle so streng wie in Deutschland. Auch hier halte ich die globale Haltung für falsch, Bio hin, Bio her. Alles, was wir zu einer gesunden Ernährung brauchen, wächst auf unseren Böden! Gezielt unverfälschte Produkte aus den Nachbarländern-natürlich. Der Ansatz klingt zunächst überzeugend. Rohmilch ja, aber Schwein? Und bei Pferdefleisch wird mir ganz anders zumute.

Alles Bio?

Bio-Lebensmittel sind inzwischen leider auch nicht mehr so grün, wie wir sie gerne hätten. Haben die Lebensmittelkonzerne doch längst die Gelegenheit erkannt, bei wachsender Nachfrage ihre Umsätze zu steigern.
Es gibt inzwischen unübersichtlich viele Bio-Label, allerdings kann man sich nur auf sehr wenige einigermaßen verlassen. Muss denn in vielen teuren Studien erst nachgewiesen werden, dass ökologisch angebaute Nahrung rückstandsfreier von Pestiziden und Nitraten ist, das weiß doch jedes Kind. Immerhin verzichten deutsche Bio-Bauern auf Monokulturen, Kunstdünger werden nicht benötigt. Das Grundwasser bleibt sauberer, unser Klima stabiler.

Wozu Bio-Kartoffeln aus Ägypten, Walnüsse aus Kalifornien, Äpfel aus Neuseeland, Rindfleisch aus Argentinien, grüner Tee aus China und Hülsenfrüchte aus der Türkei?

Leider enthalten industriell verarbeitete Bio-Fertigprodukte auch Zucker, zuviel Salz und mehrfach gehärtete Pflanzenfette, chemische Zusatzstoffe zur Haltbarmachung, die als gesundheitsschädlich bekannt und oft nicht deklariert sind. Die Lebensmittelindustrie arbeitet mit künstlichen Konservierungsstoffen, Geschmacksverstärkern und Aromen. Der für uns nötige Sauerstoff aus Obst und Co. kommt kaum noch vor, natürliche Pflanzenstoffe werden weggezüchtet, der Optik und der langen Transportwege zuliebe. Die Lebensmittel werden denaturiert, um sie anschließend künstlich wieder aufzupimpen. Verkehrte Welt. Willkommen im Lande der Allergien.

Modernes Essen

Natürlich interessiere ich mich für neue Rezepte, Produkte und auch Lebensweisen. Was mich nachdenklich macht ist, dass das Essen oft spektakulär mit fremdartigen Namen versehen wird, wie Räuchertofu-Ruccola-Pancakes mit Sojasahne Surprise statt gefüllter Pfannkuchen, oder Kräutersalat Druide mit Superfooddressing und Matcha-Croutons statt gemischter Salat, das hat im Klang wohl mehr Sex-Appeal. Hauptsache scharf und deutschlandfreie Zutaten: Mendake Nudeln mit Erbsen, Zwiebeln, Chili, Curry, Kokosmilch und Thaibasilikum. Kiwi-Soja-Shake mit grünem Tee-weit gereist. Für manche aufwändigen Kreationen auf dem Teller müsste man sprachlich wenigstens im Ansatz breit aufgestellt sein, um zu verstehen, was gerade dargeboten wird. Warum einfach, wenn es auch umständlich geht? Eine Prise Häme muss sein.

Dabei hat sich der Bedarf unserer Körper an Lebensmitteln seit Menschengedenken meiner Einschätzung nach nicht wesentlich verändert. Die Mengen an Vitalstoffen haben so ihre Mühe, auf Grund der vielen Belastungen gegen zu halten, oft wird künstlich nachgeholfen. Wir benötigen Wasser, Eiweiß, Vitamine, Spurenelemente, Mineralstoffe, Enzyme, Ballaststoffe, Kohlenhydrate aus unbelasteten Lebensmitteln – mit allen natürlichen Inhaltsstoffen. Unsere Leben haben sich verändert, da liegt der Hase im Pfeffer. Der Schöpfung dermaßen ins Handwerk zu pfuschen fordert einen hohen Tribut. Die stets nach oben steigenden Zahlen an körperlich und psychisch Kranken und der massenhaft essgestörten Menschen sprechen eine unverfälschte Sprache.

Was der Mensch sät, das wird er ernten (Bibel)

In Anbetracht der verwirrenden Angebote der wirkungsvollen Industriediktate, der immer wieder neuesten Erkenntnisse der Ernährungswissenschaften, Lebensmittelbotschafter und Food-Designer der letzten Jahrzehnte, raucht selbst vielen Ernährungskundigen der Kopf. Den Müttern, Großmüttern und Hausfrauen, die Expertinnen früherer Zeiten, ist im Zuge der Berufstätigkeit und dem verführerischen Angebot der so praktischen Fertigware an Lebensmitteln das Grundwissen um gesunde Ernährung bedauerlicherweise abhanden gekommen. Wer will sich außerdem über eine so undankbare und dummerweise gesellschaftlich missachtete Arbeit definieren?

Nahrung im Wandel

Um mich nicht misszuverstehen, grundsätzlich freue ich mich über einen Verbraucherwandel, er war längst überfällig. Die gut gemeinten Wirtschaftsreformen der Politiker und Ökonomen der fünfziger Jahre sind seit einer gefühlten Ewigkeit überholt. Die Konsumschrauben im gesamten Bereich der Lebensmittel haben sich in den vergangenen 40-50 Jahren zu fest verzogen. Gekämpft wird heute und wohl auch in Zukunft weltweit an ganz anderen Fronten. Der enorme finanzielle Druck der Produzenten und Händler geht zu unseren Lasten.

Alle modernen Ernährungstrends stehen für Fitness, Schlankheit und Gesundheit und jede Ernährungsumstellung zieht zunächst verbesserte gesundheitliche Werte nach sich, gut so. Trotzdem sind manche kritisch zu betrachten. Ich freue mich generell auch über die diversen Food-Blogger, Food-Youtuber, TV-Koch-Shows und Kochbuchautoren, die immer noch wie Pilze aus den Böden schießen. Wenn auch unterhaltsam, über so manche Botschaften dieser (vermeintlichen) Spezialisten kann ich manchmal nur den Kopf schütteln. Einige von ihnen sind im Sinne des Wortes vorbildlich, andere tragen lediglich zur allgemeinen Verunsicherung bei.

Existenzielles Essen verkommt mehr und mehr zum Spaßfaktor.

Deutschland ohne Bauern?

Wenn es weiter steigende Zahlen bei den Fleischverzichtern gibt, melden die Landwirte wohl nicht nur in Deutschland in den nächsten Jahren vermehrt entweder Konkurs an oder sie investieren teuer in eine nötige Umstrukturierung, aber wovon? Nicht wenige von ihnen haben ihre natürliche Scholle bereits verlassen, um ihre Betriebe agroindustriell zu bewirtschaften, oft hoch verschuldet und langfristiger Erfolg bleibt anzuzweifeln. Laut dem Naturschutzbund Deutschland e.V. schließen in Deutschland jährlich tausende Betriebe. Nach dem Deutschen Bauernverband gab es nach dem Krieg in Deutschland rund 1,8 Millionen landwirtschaftliche Betriebe, heute sind es noch rund 300.000. Die Landwirtschaftskammer Niedersachsen meldet: „Der Strukturwandel in der Landwirtschaft setzt sich fort. Laut der Landwirtschaftszählung 2010 gibt es in Niedersachsen noch 41.370 Betriebe. Von einst 291.327 Betrieben im Jahr 1949 sind inzwischen 250.000 nach und nach ausgeschieden und deren Flächen in die Bewirtschaftung der verbliebenen Betriebe übergangen.“

Brüssel lässt grüßen. Wir sind in einen globalen Strudel hochsensibler Abhängigkeiten geraten, dabei hat uns unsere bäuerliche Kultur mit ihren umfangreichen Lebensbedingungen über so viele Jahrhunderte getragen. Wohl denen, die sich in Zukunft selbst versorgen können.

„Die Scheu vor der Verantwortung ist eine Krankheit unserer Zeit.“(Otto Fürst von Bismarck, 1815-1898

Was bringt die Zukunft?

Wenn die hippen Verbraucher, natürlich auch die alten Hasen künftig einen vernünftigeren Weg einschlagen könnten, nicht nur der Fleischkonsum einigermaßen wieder auf ein normales Maß zurückgeschraubt wird, vollwertige, wieder mehr regionale, möglichst unbelastete Produkte den Jahreszeiten entsprechend verzehrt werden, müssen wir uns um den Gesundheitszustand unserer Bevölkerung in vielleicht 10 oder 15 Jahren vermutlich nicht so sehr die Haare raufen.
Wenn überhaupt, könnten wir nur dadurch diesen Wirtschaftskreislauf wieder normalisieren. Alles ist mit Allem untrennbar verbunden. Ich finde es an der Zeit, der kollektiven Verdrängung, zu der wir allzu menschlich neigen, und die wir im vergangenen Jahrhundert schon mehr als nur einmal hatten in der Hoffnung, es möge schon gut gehen, endlich mal Einhalt zu gebieten.

Über die Stränge schlagen – ja, denn wir sind alle schließlich nur Menschen mit Schwächen. Trotzdem – Ausnahmen sollten die Regel bestätigen! Maßhalten heißt das Zauberwort. Wie der Gründer der Slow-Food-Bewegung, der Italiener Carlo Petrini sagte: „Gut, sauber und fair Menschen wieder mit Auge, Ohr, Mund und Händen stärken und an ihre Region binden,“ muss das Ziel sein.

Es bleibt abzuwarten, inwieweit in Zeiten der Superlativen Algorithmen, Großbanken, Lobby, Politik, Produzenten, Händler und letztlich wir Verbraucher unser Leben in Zukunft bestimmen werden.

Ich jedenfalls versuche im Lande zu bleiben und mich redlich (mit ab und zu mal Schoki), zu ernähren. Mir war die Einfachheit auf meinem Teller immer schon am liebsten. Ich folge nur einem Trend, den, gesund zu bleiben.