Gefühls-Klarheit

Gefühle sind notwendige Wegweiser und Signale, die uns wie ein Kompass den Weg verlässlich durchs Leben weisen. Sie sind kulturell und von der Umwelt mitgeprägt. Die eigenen Erfahrungen und auch die Genetik spielen eine entscheidende Rolle.

Leider geben wir die erste Priorität dem Verstand, unsere Gefühle bekommen weniger Raum. Das hat zur Folge, dass wir unsere Emotionen unterdrücken und nach innen verlagern. Herzenswünsche, wichtige Impulse, Sehnsüchte und Ziele werden untergeordnet.

VerstandGefühl

Dieser Zustand halbiert unsere Möglichkeiten, wesentliche Informationen stehen uns dadurch nicht zur Verfügung. Wir sind von Kindheit darauf programmiert, in unserem Familiensystem und der Gesellschaft zu funktionieren. Kindern wird oft unbewusst beigebracht, nicht auf ihre Gefühle zu hören, weil es gerade nicht passt, weil man es nicht macht, weil es stört. Sie ahmen nach, hinterfragen immer weniger und folgen ihren Vorbildern. Sie lernen sich zu schämen, lächerlich und nicht gut genug zu sein, im Erdboden versinken zu wollen. Sie lernen so langsam, dass ihre Daseinsberechtigung in der Anpassung liegt. Gefühle zeigen steht synonym für Schwäche. Das Gefühl von mangelndem Selbstwert zieht sich durch bis ins hohe Alter.

Die Erbfeindschaft in der Selbstverleugnung unserer Gefühle war von der Obrigkeit seit jeher gewollt. Unsere Gefühle lernen wir unter Kontrolle zu halten. Dieser Automatismus wird zum Hauptbestandteil unseres Lebens, bis unsere rationalen Vorstellungen mit der gefühlsmäßigen Selbstunterdrückung kollidieren. Die Angst ist groß, gegen Regeln zu verstoßen, unseren eigenen Erwartungen und denen anderer nicht gerecht zu werden. Ohne die Erlaubnis, unseren Gefühlen zu folgen, leben wir in einem gespannten Umfeld, werden unglücklich oder krank. Das Ausbrechen aus einer Gefühlsnot mündet allerdings oft in überzogenen Egoismus und kompensatorischen Süchten.

Der fehlende Respekt uns selbst gegenüber lässt uns auch respektlos gegen unsere Mitmenschen sein. Dieses fehlende Mitgefühl hält uns in schwierigen Situationen buchstäblich gefangen. Das Trennen von beiden Lebensbereichen, von Gefühl und Verstand schafft Konflikte, weil die Ziele sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Wertvolles Potential kann nicht voll ausgeschöpft werden und verkümmert. Doch Angepasstheit und Disziplin müssen nicht zwingend im Widerspruch stehen.

“Alles nun, was ihr wollt, dass euch die Menschen tun sollen, das tut ihr ihnen auch!” (Matthäus 7, Vers 12)

Mit etwa 21 Jahren fängt naturgemäß das Erwachsensein an und damit beginnt die Verantwortung für sich selbst. Man kann lernen, das Leben und die Gefühlswelt in die eigenen Hände zu nehmen. Mut haben, sich selbst der beste Freund sein, zu 100% an sich zu glauben, in Selbstbestimmung auf seine Gefühle achtgeben und damit auf seine Gesundheit. Den Blick immer nach vorne gerichtet.

Man sollte sich jeden Tag auf’s Neue eine bestimmte Zeit für die Besinnung nehmen, um ehrlich die eigenen Gefühle zu sortieren. Eigene Grenzen ziehen, das Denken nachfühlen, lernen, im richtigen Moment ja oder nein zu sagen und den Gefühlen im Zusammenspiel mit dem Verstand folgen muss das Ziel sein. Das ist für jeden Menschen ein Lernprozess und eine ständig wiederkehrende Herausforderung.

Es kann nicht sein, dass aus Angst vor Scham oder Blamage wichtiges Potenzial an Wissen, Kraft und Können unterdrückt wird. Eine innere Aufgeräumtheit der Gefühle kann Rückschläge, Aggressionen, Krankheiten und ungute Beziehungen vermeiden helfen. Unabhängig von anderen.